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Hybridschach - Ein Erfahrungsbericht

Mit Corona wurde alles anders: unser Arbeitsalltag, das soziale Miteinander und auch unsere Freizeitbeschäftigungen. Wir Schachspieler haben das Glück, dass wir unserem Hobby auch gut online nachgehen können. Allerdings eher in Form von "Spaßturnieren" mit verkürzter Bedenkzeit, da eine vernünftige Betrugsprävention online nicht realisierbar ist. Was fehlt, sind die langen Turnierpartien mit Wettkampfatmosphäre und Eloauswertung.

Aus diesem Bedürfnis heraus sind im letzten Jahr sogenannte Hybrid-Turniere entstanden, die seit Januar 2021 auch von der FIDE offiziell anerkannt und gewertet werden. Die Idee ist es, die Vorteile vom Online-Schach mit denen des klassischen Turniergeschehens zu kombinieren um so auch zu Pandemie-Zeiten ernsthafte Turnierpartien zu realisieren.

Ich durfte vom 04.-12.05.2021 am Mitropa-Cup teilnehmen, der dieses Jahr als Hybrid-Turnier durchgeführt wurde. Somit hatte ich als eine der ersten die Chance, dieses Turnierformat zu testen.

Hier ein paar Einblicke in den Ablauf des Turniers sowie meine Einschätzung zum Turnierformat.

Ablauf eines Hybrid-Turniers

Online-Schach mit regionalen Turnierarealen

Bei einem Hybrid-Turnier werden die Partien online gespielt. Anders als bei normalen Online-Turnieren halten sich die Spieler dabei jedoch in mehreren offiziellen Turnierarealen auf, die jeweils von einem lokalen Schiedsrichterteam beaufsichtigt werden. Beim Mitropa-Cup, an dem 10 Mannschaften aus 10 Ländern teilnahmen, fand sich jedes Team an einem Ort im eigenen Land ein und spielte von dort online gegen die anderen Teams. Pro Runde hielten sich also jeweils nur 8 Spieler*innen (4 aus dem offenen und 4 aus dem Frauenturnier) sowie ein Schiedsrichterteam im jeweiligen Spielsaal auf.

Hybridschach, Spielsaaal Mitropa-Cup 2021
Spielsaal der deutschen Mannschaft beim Mitropa-Cup 2021, Foto von Claudia Münstermann

Technische Voraussetzungen und Empfehlungen

Um an einem Hybrid-Turnier teilnehmen zu können, benötigt man neben einer stabilen Internetverbindung und einem Notebook auch eine Kamera. Zudem muss ein Account bei der verwendeten Online-Plattform (in unserem Fall Tornelo) erstellt werden. Dort loggt man sich vor der Partie ein und wählt das entsprechende Turnier aus. Zu Rundenbeginn öffnet sich dann das Partiefenster, worüber die Züge ausgeführt werden.

Turnierbereich für den Mitropa-Cup 2021 auf Tornelo
Turnierbereich für den Mitropa-Cup 2021 auf Tornelo

Bei Tornelo lohnt es sich ggf. ein paar individuelle Einstellungen vorzunehmen - zum Beispiel Brettdesign und -Farbe anzupassen. Einige Spieler*innen nutzen zudem die Funktion, jeden ausgeführten Zug noch mal zu bestätigen, um ungewollte mouse-slips zu vermeiden. Dieses Feature kostet allerdings pro Zug ein paar Extra-Sekunden. Außerdem verdeckt das Bestätigungsfenster tlw. den ausgeführten Zug, sodass man auch nicht immer sicher ist, was man da gerade bestätigt.

Hybridschach, Tornelo-Plattform, Partiefenster
Partiefenster bei Tornelo

Auf der Turnierseite bei Tornelo findet man auch den Link zum Videokonferenzprogramm (bei uns wurde Zoom verwendet), das zusätzlich vor der Partie gestartet werden muss. Über Zoom erfolgt die Videoüberwachung der Spieler*innen sowie die Übertragung des eigenen Bildschirms. Als Spieler*in hat man über Zoom die Möglichkeit, seinen Gegner im Video zu sehen und somit das Gefühl des echten Gegenübersitzens nachzustellen.

Hybridschach, Zoom als Videokonferenzsystem, Mitropa-Cup 2021
Login bei Zoom für Video-, Bildschirm- und Tonübertragung

Über Tornelo erhält man mit einem akkustischen Signal eine Info, wenn der Gegner gezogen hat. Um diesen Zeitpunkt nicht zu verpassen, würde ich empfehlen, nur das Browserfenster mit der Videokonferenz stumm zu schalten.

Den Spieler*innen ist es erlaubt, zusätzlich zum Online-Partiefenster ein echtes Brett zu nutzen. Dieses darf jedoch nur die bereits gespielten Züge abbilden und nicht für Analysen etc. genutzt werden. Während der Zeitnotphase kann dann auch nur am Laptop gespielt und anschließend die Stellung am Brett wieder nachgebaut werden.

Hybridschach, Melanie Lubbe, Mitropa-Cup 2021
Hybridschach, Melanie Lubbe, Mitropa-Cup 2021

Fotos von Claudia Münstermann

Anti-Cheating Maßnahmen

Neben den regionalen Schiedsrichtern sollen noch weitere Maßnahmen dafür sorgen, dass kein Betrug stattfinden kann. Dazu zählen das Teilen des eigenen Bildschirms, eine Geräuschübertragung über das eingeschaltete Mikrofon sowie mehrere im Spielsaal platzierte Kameras.

Darüber hinaus gibt es ein übergeordnetes Schiedsrichterteam, das mit den regionalen Schiedsrichtern kommuniziert und die gesamte Veranstaltung koordiniert. Die Hauptschiedsrichter entscheiden ggf. auch über Zeitgutschriften oder Protestfälle.

Vor- und Nachteile eines Hybrid-Turniers

Der größte Vorteil des Hybridformats liegt wohl auf der Hand: zu Pandemie-Zeiten ist es das einzig denkbare Turnierformat, das Langzeitpartien ohne Betrugsbedenken ermöglicht. Trotzdem gibt es aus meiner Sicht auch ein paar Nachteile, wie zum Beispiel die Gefahr durch einen mouse-slip die Partie zu verlieren. Beim Mitropa-Cup sind mir zwei Fälle bekannt, wo dadurch die Partie entschieden wurde:

Movsesian -Novkovic: mouses-slip beim Mitropa-Cup 2021

Statt mit Dh7+ nebst Dh8 mattzusetzen, verliert Weiß nach Dh6?? sofort.

Hakimifard-Trippold: mouses-slip beim Mitropa-Cup 2021

Schwarz plante betsimmt Tb2, stellte stattdessen aber mit Tc2 einen glatten Turm ein.


Vorteile Hybridschach

  • ermöglicht (internationale) Turniere mit großen Teilnehmerzahlen auch zu Pandemie-Zeiten
  • geringere Reiseaufwände
  • Online-Übertragung für Zuschauer gegeben
  • kein Mitschreiben notwendig

Nachteile Hybridschach

  • Turnieratmosphäre kann nur im Ansatz nachgestellt werden
  • Mouse-slips als zusätzlicher (partieentscheidender) Faktor
  • Verbindungsabbrüche möglich
  • mehr Schiedsrichter benötigt

Fazit

Ich freue mich sehr darüber, dass wir mit dem Hybridschach eine Möglichkeit haben, auch zu Pandemie-Zeiten ausgewertete Langzeit-Partien gegen (internationale) Gegnerschaft zu bestreiten.

Ich sehe das Format als geeignete Alternative zu den klassischen Turnierformaten, möchte langfristig jedoch nicht komplett auf die Wettkampfatmosphäre in einem gemeinsamen Spielsaal verzichten. Ich kann mir aber vorstellen, dass Hybridschach auch in Zukunft für Länderkämpfe genutzt werden kann, um Reiseaufwände und Kosten zu reduzieren. Ich bin auf die weiteren Entwicklungen gespannt und freue mich auf jedes Turnier - hybrid oder nicht - an dem ich in den nächsten Monaten teilnehmen darf.

Habt ihr noch eine Frage zu Hybridschach oder möchtet eure Meinung zu den Entwicklungen teilen? Lasst gerne einen Kommentar da.

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