Bauern vor!

Nach einem weiteren Tag auf der Insel hat sich das Feld der Führenden weiter verkleinert. In der Spitzengruppe trennten sich MVL und Wang Hao unentschieden, während Wojtaszek und Naiditsch beide gewinnen konnten.


Damit haben Naiditsch und Wojtaszek die besten Aussichten auf den begehrten 1. Preis, aber auch die Verfolgergruppe hat noch berechtigte Hoffnungen. Neu im Feld der dichtesten Verfolger ist dabei Gawain Jones, dem es heute gelungen ist Levon Aronian zu bezwingen. Summa summarum haben die Zuschauer in Runde 8 an den fünf Spitzenbrettern ganze drei Weiß-Siege zu sehen bekommen. Doch auch abseits der absoluten Spitzenbretter war so einiges los. Aber der Reihe nach:

Schauen wir uns zuerst die entscheidenden Stellen aus der Partie Naiditsch - Nakamura an.


Arkadij Naiditsch - Hikaru Nakamura

1. Schritt: Ungleichgewicht erschaffen

 

Wie Steinitz schon sagte: Ohne Ungleichgewichte kann man im Schach nicht gewinnen. Der Partieansatz ist also absolut überzeugend: Arkadij gibt sein Läuferpaar auf, schwächt dafür aber nachhaltig die schwarze Bauernstruktur.

2. Schritt: Felderschwächen und Vorposten

 

Nakamura kann wenig gegen die Besetzung der netten Vorposten unternehmen. Er schafft es zwar, seinen Läufer ohnen Gegenspieler (Lf5) raus zu bringen, allerdings hat er keine Ziele.


3. Schritt: Schwächen attackieren

 

Arkadij belagert den Bauern c6 und Schwarz versucht nicht einmal den Kampf darum aufzunehmen. Stattdessen versucht Nakamura den Bauernverlust mit Aktivität zu kompensieren.

4. Schritt: Konsolidierung und Läuferpaar

 

In den nächsten Zügen koordiniert Weiß seine Figuren neu und schafft es überzeugend die schwarze Aktivität abzufedern.

Nach Sc5 wird Nakamura zudem seinen einzigen Trumpf, das Läuferpaar, verlieren. Langsam zeigt sich, dass Arkadij auf der Siegerstraße ist.


 

5. Schritt: Vorteilsverwertung

 

Für gewöhnlich wäre es nun Zeit für die Vorteilsverwertung. Stattdessen setzt Nakamura alles auf eine letzte Karte und opfert seinen Läufer. Mit einem ruhigen Kopf konnte Arkadij allen Komplikationen aus dem Weg gehen und den Punkt sichern.

 

Fazit: Eine strategisch sehr gute Partie und ein Vorgehen nach Lehrbuch.



Radoslaw Wojtaszek - Michael Adams

Was in dieser Partie los war kann ich beim besten Willen nicht sagen. Als ich nach relativ kurzer Zeit meinen ersten Spaziergang durch den Spielsaal zelebrierte, war Adams Stellung nur noch eine Ruine. Zum Glück kann man ja alle Partien in Ruhe nachspielen und der Grund für den Kollaps ist schnell gefunden:

 

In höchst komplizierter Stellung griff Adams zu 15...Sa5 (siehe Diagramm). Ziehen wir ein kleines Resümee: Die Dame auf b3 hängt, der schwarze Turm auf a8 hängt. Drohungen mit e5 liegen in der Luft, sind aber nachrangig.

16. Db4 bewegt die Dame aus dem Angriff und greift ihrerseits die schwarze Dame an und schon ist die Stellung aussichtslos für Schwarz. Es folgte 16...Dxb4 17. axb4 und nun hängt neben dem schwarzen Turm auch noch der Springer auf a5.

Wie man es dreht und wendet, Schwarz wird mindestens eine Qualität verlieren: Zu viel auf diesem Niveau.
Der Rest der Partie ist ausnahmsweise mal eine recht simple Vorteilsverwertung.


Gawain Jones - Levon Aronian

 

Partien zwischen zwei derart starken Großmeistern lassen sich selten auf wenige Momente reduzieren. Zum Glück für Gawain leistete sich Levon aber heute einmal bereits kurz nach der Eröffnung einen markanten Fehler.

 

In der Diagrammstellung ist noch alles im Lot, die Chancen sind sehr gleich verteilt. Doch nun stellt Aronian 16...c5 aufs Brett. Im Nachgang lässt sich ziemlich leicht sagen, dass c5 Murks war. Tatsächlich fiel c5 aber auch auf meinen ersten (ja, er war ausführlich) Spaziergang und bereits nach kurzer Zeit entschied ich mich, dass ich nicht versuchen werde die Stellung zu verstehen. Es ist halt einfach kompliziert mit dem ganzen Figurenhaufen in der Brettmitte.

 

 

Nach einigen sehr präzisen Zügen von Jones verzieht sich dann aber der Nebel und die Rollen sind recht klar verteilt. Weiß hat die solidere Bauernstruktur und das Läuferpaar, ein klarer Vorteil.

 

Ähnlich wie auch schon Nakamura ging Aronian bald All-In und opferte Material für einen (optisch) gefährlichen Angriff, den Jones aber souverän abwehrte und anschließend keine Probleme mit der Materialverwertung hatte.

 

Mit etwas Schützenhilfe könnte Jones es morgen also noch auf´s Treppchen schaffen. Wir dürfen gespannt sein.

 


Das kleine große deutsche Highlight

Entfernen wir uns jetzt aber ein klein wenig von den Spitzenbrettern und schauen, welche Partien die Welt und insbesondere das Schachdeutschland heute noch besonders bewegt haben. Der Standardblick fällt dabei natürlich auf den Grenke-Sieger Vincent Keymer...und siehe da: Der kleine Bub hat mal einfach so die Schachlegende Boris Gelfand verputzt!

Die Eröffnung lässt sich wohl am besten mit "durchwachsen" beschreiben, nicht mehr, nicht weniger. Wirklich stark fand ich, dass Vincent es immer wieder geschafft hat, die Stellung in den Ausgleich zu drehen (während ich zB ein Experte darin bin, leicht schlechtere Stellung sehr schnell komplett zu verderben).

 

Im Diagramm sind mittlerweile 37 Züge gespielt und Boris attackiert die weiße Dame. Doch nur der Mutlose denkt an Rückzug! Vincent wittert seine Chance und heimst so viel Material wie nur möglich für seine Dame ein.

Bevor man hier voreilig den Td8 grabscht sollte man sich aber noch den b4 einverleiben. Bauer ist Bauer. Gleichzeitig läutet 38. Sxb4 aber bereits unwiederbringlich das Damenopfer ein, denn nach 38...De6 schielt Boris´ Dame auf den Bauer h3.

 

Auf geht´s!

 

Um einen Bauern, Turm und Läufer erleichtert beginnt Gelfand nun aber recht schnell die Schwierigkeit seiner Stellung zu spüren: Die schwarzen Felder sind schwach und Vincent setzt mit Ld4 sofort zur Fesslung an.

 

Gelfand wandert notgedrungen nach h6, aber schon bald kippt die schwarze Stellung ins Bodenlose.

 

Nach nur ein paar weiteren Zügen ist es amtlich: Vincent Keymer wird Boris Gelfand Matt setzen! Einzige Abwehrmaße: Direkt aufgeben.

 

Damit hieft Vincent seine Performance (2615) auf absoluten GM-Normen Kurs, wenn er sie denn überhaupt noch braucht :).

 

Meine Vorhersage: Wir werden in nicht allzu weiter Zukunft einen neuen deutschen Großmeister feiern können, der im Weltschach wohl noch für einige Sensationen sorgen dürfte.


Die Bauern retten den Tag

Kommen wir zum Abschluss noch zu ein wenig Schach, was ich verstehe. Oder auch nicht, wer weiß. Im Schach erlangt doch ohnehin erst rückblickend die Weisheit. Zuerst ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Tag: Fast hätte ich die längste Partie des Tages gegen Großmeister Das Debashis (IND, 2548) aufs Parkett gelegt, nur eine Partie ging länger. Sehr lange spielten wir eine umkämpfte und interessante Partie, bis ich meine Spezialfähigkeit anwandte: Stellungen in Windeseile verderben! Zum Glück lassen sich auch starke Großmeister in Zeitnot noch austricksen:

78...f4! Objektiv eine absolute Verluststellung, aber das Rechteck des Todes schwadroniert vorm gegnerischen König.

Nur zwei ungenaue Züge später (Ld7, Lg4) entpuppen sie die Bauern als Matchmaker! Weiß kann nicht mehr gewinnen.

Nach 86 Zügen sorgt die Bauernumwandlung für die gefühlte "Aufgabe" von Weiß: Er muss sich mit Remis begnügen.


Und wieder mal die Bauern...

Runde 8 fing heute katastrophal an. Und mit katastrophal meine ich, dass ich mich bereits nach wenigen Zügen vollends damit abgefunden habe, heute mal so richtig vermöbelt zu werden. Ihr habt die Partie nachgespielt und habt keinen Schimmer wovon ich rede? Sieht man auch nicht, aber die Situation war wie folgt: Bereits vor einigen Monaten spielte ich gegen GM Vorobiov, der entgegen meiner Voraussicht das Wolga-Gambit spielte. Da ich mit aller Macht versuchte dies zu verhindern, stand ich schnell schlecht und verlor. Ich ärgerte mich, aber statt mir ein Repertoire gegen Wolga aufzubauen, klickte ich nur ein paar Partien durch...Heute hatte mein Gegner (der frisch gebackene IM Kulkarni) dann einfach die Dreistigkeit besessen, statt dem artverwandten und feinst vorbereitetem(!) Blumfeld-Gambit mal eben auf Wolga umzuschwenken.

Da saß ich nun nach 1. d4 Sf6 2. Sf3 c5 3. d5 b5 4. c4 g6 (!?!?!?!?) und versuchte mich krampfhaft an die angeschauten Wolga-Partien zu erinnern. Tja, leider nicht viel vorhanden, aber ich fasste einen Entschluss: Heute würde ich Wolga auf die extrem harte Tour kennenlernen! Also auf geht´s: 5. cxb5 a6 6. bxa6...

Im Hinterkopf hing noch etwas: Statt dem Hauptplan mit g3, Kg2 gefiel mir die Wanderung nach h2.

Aber warum? Es kostet ein Tempo mehr und die Vorteile sind nicht offensichtlich. Insbesondere wenn man absolut keine Theorie kennt :D. Nunja, der König ist jetzt angekommen.

Te1, Te2 war das erste was mir einfiel um meine Stellung zu verbessern. Mein Gegner blitzte jeden Zug raus, als hätte er es schon 100mal gesehen.


Und dennoch: e5, e6 sieht verlockend aus. Mein Gegner spielt wieder a tempo Se5.

Mein Gegner hat nach 18 Zügen noch über 90 Minuten auf der Uhr! Also muss es doch Theorie sein, oder? Egal! Das Opfer sieht verlockend aus.

Und hier vielleicht die Krux des Tempoverlusts: Schwarz hatte Zeit auch wirklich alle Figuren vom Königsflügel zu entfernen! Ist das der "Trick" hinter h3, Kg1, Kh2? Vielleicht, ich weiß es nicht.


Mir ist mittlerweile eines klar: Mein Gegner hat sich mit seinen 90 min auf der Uhr wohl in eine Verluststellung manövriert. Und wieder lockt mich das temporäre Opfer.

Gewinnt die Figur natürlich zurück, aber die Aktion kostet mich den Damentausch.

Diese Stellung hatte ich bei Sxe7 im Kopf und strebte sie direkt an. Das es zähere Verteidigungen gab lassen wir mal außer vor. Wie gewinnt Weiß? 32. Lf6! und Schwarz ist im Zugzwang!


Denn nach 32...Tb6 folgt 33.Tg7+

33...Kf8 34. e7+ Ke8 35. Tg8+ Kf7 und nun die finale Pointe:

36. Td8! Und wieder entscheidet die Bauernumwandlung. So langsam mag ich Endspiele ;).


Puuh, diese Wolga-Erfahrung war erstaunlicherweise sehr angenehm! Und dabei rechnete ich mit dem Schlimmsten! Jetzt bleibt es abzuwarten, ob ich mein Repertoire gegen Wolga endlich mal aufbaue oder es nach dem Sieg doch weiter auf die lange Bank schiebe :).


Sonst noch berichtenswert: Es gab heute ein köstliches Avocado-Bacon-Chicken-Sandwich! Es war letztes Jahr noch mein Grundnahrungsmittel, dieses Jahr gab es leider nur eine Stippvisite im Harbour Lights, aber für´s Sandwich werde ich auch in Zukunft gerne wieder auf die Isle of Man zurückkehren!

Morgen ist Endspurt angesagt, wir dürfen alle gespannt sein auf Runde 9. Lasst uns gerne euren Kommentar da, unser Abschlussbericht folgt die kommenden Tage.

 

- Nikolas



Kommentare: 3
  • #3

    Bernd (Sonntag, 28 Oktober 2018)

    Super Bericht, sehr schöne Erläuterung, viel Erfolg! Die Wünsche gelten auch für die Frau Gemahlin, die es nach der großen Rochade etwas mehr benötigt. Ich drücke die Daumen!

    Aber bitte, bitte: Keinen Apostroph für´s Sandwich benutzen (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-abc-der-gebrauch-des-apostrophs-im-ueberblick-a-283781.html).

  • #2

    Niclas (Sonntag, 28 Oktober 2018 10:44)

    Traum! Gerade das Sandwich sieht sehr gut aus.

  • #1

    Till (Sonntag, 28 Oktober 2018 08:41)

    Top Bericht. Das du dazu noch die Zeit findest. Wow!