Fredericia IM Chess


Juhu, juhu. Endlich mal wieder ein gutes Turnier. Nach einer längeren schachlichen Durststrecke, die in einem Elotief von 2261 resultierte, war es auch allerhöchste Zeit. Aber der Reihe nach:

 

Lange Zeit waren wir uns nicht sicher, welches Turnier wir über Himmelfahrt spielen sollten. Zur Debatte standen Wunsiedel oder die Hessische Einzelmeisterschaft. Dann ergab sich recht spontan noch eine dritte Alternative, die uns dann auch am besten gefiel. Anfang April nahmen wir an einem Rundenturnier in Dänemark teil [hier der Bericht]. Dort lief uns Claus Magnussen über den Weg, der noch zwei Spieler für sein IM-Turnier suchte. 2014 hatten wir bereits in Fredericia teilgenommen und uns sehr wohl gefühlt, was bestimmt auch an Nikos grandiosem Abschneiden mit 8/9 Punkten lag. Also nahmen wir die Einladung gerne an und machten uns am 04.05. auf den Weg ins sonnige Dänemark.

Einen kleinen Abstecher mussten wir jedoch noch in die örtliche Bankfiliale machen :-) Denn wie es so üblich ist, werden meine Brautschuhe (unsere Feier findet im Juli statt) mit Cent-Stücken bezahlt. Wie man sieht haben wir (sowie Freunde und Familie) fleißig gesammelt, nach Abzug der aus Versehen eingeschmissenen größeren Münzen sowie Fremdwährung kamen wir auf stolze 4428 Münzen!

 

 

Bei ca 4 Liter Münzen hatte der Automat ganz schön was zu schlucken :-)
Bei ca 4 Liter Münzen hatte der Automat ganz schön was zu schlucken :-)

Dann aber ab ins Auto und auf in den Norden.

Vor uns lagen 9 Runden, gespielt an 5 Tagen, gegen eine herausfordernde und bunt gemischte Gegnerschaft. Hier die Teilnehmerliste:

Teilnehmerliste Fredericia IM Chess mit Rating und Erwartungswerten
Teilnehmerliste Fredericia IM Chess mit Rating und Erwartungswerten

Eine gute Mischung, wie ich finde: Jens Ove als „alter Hase“, der mit seinem unkonventionellen Spielstil stets für interessante Partien sorgt. Zwei deutsche IMs Christopher und Niko, die ebenfalls nicht vor taktischen Verwicklungen zurückschrecken. Zwei Nachwuchsspieler Jesper und Filip. Kristian, mit dem ich mir schon in Kolding vor einem Monat eine spannende Zeitnotschlacht geliefert habe. Drei dänische/schwedische FMs mit Norm-Ambitionen: Kristoffer, Martin und Anders. Sowie mit mir eine weibliche Teilnehmerin.

 

Die Auslosung bescherte mir in der ersten Runde Weiß gegen Kristian Seegert – eine Paarung, die es so auch schon in Kolding gegeben hatte. Um für etwas Abwechslung zu sorgen, begann ich diesmal mit 1.d4 statt 1.e4. Mein Plan ging auf: ein schneller Sieg in Runde 1.

 

In der zweiten Runde durfte ich noch mal mit den weißen Steinen antreten, diesmal bereitete mir mein Gegner FM Andreas Livner jedoch einige Schwierigkeiten. Am Ende hatte ich Glück, dass er einen taktischen Trick übersah:

 

Stellung nach 36….Sf8. Findet ihr den weißen Gewinnzug?
Stellung nach 36….Sf8. Findet ihr den weißen Gewinnzug?

Die Partie endete mit 37.Sf6+! Dxf6 38.Dxf6 Td1+ 39.Ka2 Txg1 40.Df3 Te1 41.Ld2. Und so fand ich mich nach zwei Runden überraschenderweise an der Tabellenspitze wieder.

 

Gerne hätte ich die Führung weiter ausgebaut, in Runde 3 kam ich jedoch gegen  FM Filip Boe Olsen trotz großer Bemühungen nicht über ein Remis hinaus.

 

In der vierten Runde war mir dann Caissa wieder wohlgesonnen. Aus meiner katastrophalen Position gegen FM Kristoffer Dyrgaard konnte ich mich mit folgendem Manöver befreien:

 

Stellung nach 24…Dg5. Wie befreit sich Weiß hier?
Stellung nach 24…Dg5. Wie befreit sich Weiß hier?

Es folgte: 25.Txh3 Dg1 26.Kd2 Dg2 27.Sf2! Dxf2 28.Kc3… und Weiß hat das Schlimmste überstanden. Später konnte ich dann sogar auf Sieg spielen. Findet ihr den Gewinnzug in der folgenden Stellung?

 

Stellung nach 32….Kg7. Weiß gewinnt!
Stellung nach 32….Kg7. Weiß gewinnt!

33.Txh7! brachte mir den Sieg und damit 3,5/4 Punkten. Und es sollte noch besser werden: Gegen IM Jens Ove Fries Nielsen konnte ich in der fünften Runde einen souveränen Sieg einfahren. So langsam begann ich mir Gedanken über IM-Norm und Turniersieg zu machen. Immerhin brauchte ich aus den letzten vier Runden nur noch 1,5 Punkte für die Norm und die Tabelle sah nach 5 Runden wie folgt aus:

 

1. Melanie Lubbe                         4,5 Punkte

 

2. Nikolas Lubbe                           4,0 Punkte

 

3. Christoph Scheerer                  3,0 Punkte

 

4. Anders Livner                           2,5 Punkte

 

    Filip Boe Olsen                          2,5 Punkte

 

6. Kristoffer Dyrgaard                  2,0 Punkte

 

    Jesper Søndergård Thybo       2,0 Punkte

 

    Martin Matthiesen                   2,0 Punkte

 

9. Kristian Seegert                        1,5 Punkte

 

10. Jens Ove Fries Nielsen          1,0 Punkte

 

 

 

Aber auf mich warteten auch noch vier starke Gegner. Zunächst Jesper Søndergård Thybo, der mit seinen jungen Jahren bereits an der 2400 kratzt. In einer langen Partie ging es ein paar Mal hin und her, ohne dass eine Seite ausreichend viel Vorteil ansammeln konnte. Am Ende wurde es Unentschieden. Ein weiteres Remis erkämpfte ich mir gegen Martin Matthiesen in der 7. Runde. Lange Zeit sah es eher schlecht für mich aus, letztendlich hielt meine Verteidigung aber stand.

 

Mit 5,5 Punkten konnte ich dann optimistisch in den letzten Tag starten. Gegen Christoph Scheerer ergab sich direkt eine Angriffsstellung mit teilweise schwer  überschaubaren Stellungsbildern - genau das Richtige für mich!  Hier die Partie in „Bildern“:

 

Nach Th7 gab Christoph auf und es dauerte noch ungefähr eine Stunde bis ich begriffen hatte, dass das nicht nur eine IM-Norm sondern vor allem auch die realistische Chance auf den Turniersieg bedeutete.

 

Dafür musste ich aber noch meinem Mann die Stirn bieten, der mit einem halben Punkt Rückstand seit der ersten Runde an meinen Fersen klebte.

 

Man beachte, dass wir in Runde 2 bis 8 jeweils gleich gespielt haben.
Man beachte, dass wir in Runde 2 bis 8 jeweils gleich gespielt haben.
Vorbereitung vor der Stunde der Wahrheit.
Vorbereitung vor der Stunde der Wahrheit.
Seit dem Ehenamenblitz lange erfolgreich vermieden, aber nun mussten wir wieder gegeneinander antreten.
Seit dem Ehenamenblitz lange erfolgreich vermieden, aber nun mussten wir wieder gegeneinander antreten.

Keine leichte Aufgabe mit Schwarz, aber zu verlieren hatte ich ja auch nichts. Also ging ich recht unbeschwert in die Partie im Gegensatz zu Niko, dem die Nervosität durchaus anzumerken war. Wie cool, mein Mann hat Angst vor mir (was jetzt aber bitte nur im schachlichen Kontext zu deuten ist)! Naja, die Angst hielt glaube ich nicht lange an. Denn in der Partie zeigte sich deutlich, wer im Schach von uns beiden das Sagen hat. Zumindest blieb der Turniersieg in der Familie….

 

Einen Grund zum Feiern hatte ich trotzdem: 2.Platz, IM-Norm und +58 Elo – ohne Zweifel das beste Turnier meines Lebens!

 

Hier der Endstand:

Endstand Fredericia IM Chess, Melanie mit IM-Norm
Endstand Fredericia IM Chess, Melanie mit IM-Norm

Eure Melli