Das Läuferpaar, Teil II


Weiter geht´s mit ein paar lehrreichen Beispielpartien aus der Nimzoindischen Eröffnung sowie Trompowsky. Und am Ende des Artikels werden wir mithilfe der abstrahierten Regeln die eingangs aufgestellten Fragen beantworten.


Nimzoindisch

Beginnen wollen wir mit dem Namensgeber himself, Herrn Nimzowitsch.

Mattison - Nimzowitsch

La3? wurde prompt mit c5! beantwortet.
La3? wurde prompt mit c5! beantwortet.

Das etwas vorschnelle La3 wird hier konsequent mit c5 nebst b6 "bestraft". Nimzowitsch legt seine Bauernstruktur bereits früh derart an, dass sie den LOG limitiert.

Hier ist bereits einiges schief gelaufen...
Hier ist bereits einiges schief gelaufen...

Betrachten wir einmal das Läuferpaar des Weißen. Der La3 beißt buchstäblich in Granit, aufgrund des Doppelbauern fehlt b4 als weiterer Hebel. Der Lg2 ist zwar potentiell stark, sein Gegenspieler steht aber noch auf dem Brett. Mehr noch: Er steht im auf der Diagonale gegenüber. Es folgt ein freiwilliger Abtausch des Lg2 und ein nettes Springermanöver von Schwarz.

Ziel erreicht: das Läuferpaar bekämpfen und dem Gegner nur den schwachen Läufer übrig lassen.
Ziel erreicht: das Läuferpaar bekämpfen und dem Gegner nur den schwachen Läufer übrig lassen.

Es folgte die Öffnung der a-Linie mit baldigem 0:1.

Merkmale der Partie, Regelabstraktion:

SGL:

- Läuferpaar nur unter struktureller Schwächung aufgeben

- Den LOG mithilfe der Bauern beschränken

- Den starken Läufer abtauschen

SML-Negativbeispiel:

- Mittels La3 wird der potentiell gefährliche Läufer für Schwarz ins Abseits gestellt

- Weiß hat den Kampf um das zentrale Feld e4 nicht mal begonnen

- Freiwilliger Abtausch eines Läufers, anschließend auf einem limitierten Läufer sitzen geblieben


Nisipeanu - Cruz

Wie man es besser machen kann, zeigt uns Liviu-Dieter Nisipeanu aus einer ganz ähnlichen Anfangsstellung heraus.

Der LOG auf c1 bleibt zunächst zurück, da a3 auch hier kein gutes Feld darstellen würde.
Der LOG auf c1 bleibt zunächst zurück, da a3 auch hier kein gutes Feld darstellen würde.

Weiß bleibt zunächst flexibel, Schwarz passt seine Struktur der Beschränkung des Lc1 an!

Manchmal kann auch das Schließen der Stellung (d5, e4) gut für die Läufer sein.
Manchmal kann auch das Schließen der Stellung (d5, e4) gut für die Läufer sein.

Nun stellt euch den Lc1 mal auf a3 vor!? Einfach furchtbar, er würde absolut keine Wirkung entfalten. Das tut er auf c1 zwar auch (noch!) nicht, in ihm schlummert jedoch Potential. Der von Weiß angestrebte Plan am Königsflügel zu spielen passt sehr gut zu dem LOG!

Im Diagramm oben begang Schwarz den schwerwiegenden Fehler g6 zu spielen. Dieser Zug zeugt von einer weitgehenden Unterschätzung des Potentials des LOG auf c1. Weiß öffnet nun den Königsflügel und sein LOG wird das Spiel entscheiden.

Sg4! Aus positionellem Vorteil erwachsen häufig taktische Möglichkeiten!
Sg4! Aus positionellem Vorteil erwachsen häufig taktische Möglichkeiten!

Schwarz muss den Sg4 schlagen, was Weiß d6 ermöglicht (beachte Lxh7+). Nun ist die Stellung für die Läufer geöffnet und Weiß hat die deutlich besseren Karten. Wenig später konnte Weiß seinen Vorteil in einen vollen Punkt verwandeln.

Merkmale der Partie, Regelabstraktion:

SML:

- Stuktur dem LOG anpassen

- Plan (hier Angriff am Königsflügel) dem LOG anpassen

- Öffnung der Stellung im richtigen Moment um die Läufer zu entfesseln

SGL-Negativbeispiel:

- Schwäche dich nicht auf den Feldern des LOG (g6??)

- Halte die Stellung geschlossen (Schwarz hat Weiß bei der Öffnung des Königsflügels nicht unerheblich geholfen)


Kvetny - Lubbe

Atypische Variation im Nimzoinder
Atypische Variation im Nimzoinder

Spätestens jetzt muss Schwarz sich einen Plan überlegen, den LOG auf c1 bestmöglich zu limitieren! b6, d6 sowie Sb8-d7-c5 bieten sich an. Im weiteren Verlauf gab Weiß das Läuferpaar ohne Not und ohne Eingeständnisse des Schwarzen wieder auf und endete (so auch stets Zielsetzung im SGL) im unteren Diagramm mit der schlechteren Leichtfigur und Bauernstruktur.

Schwarz hat den seinen e-Bauern geopfert und gewinnt mittels h5! einen Bauern zurück.
Schwarz hat den seinen e-Bauern geopfert und gewinnt mittels h5! einen Bauern zurück.

Ein paar Züge später ist es Zeit einmal zurückzublicken. Das Läuferpaar ist weg, was bleibt?

Nicht einem der schwarzen 6 Bauern kann der Ld4 gefährlich werden.
Nicht einem der schwarzen 6 Bauern kann der Ld4 gefährlich werden.

Was ist geblieben? Einzig der Doppelbauer auf der c-Linie erinnert noch daran, dass Schwarz womöglich mal das Läuferpaar gegeben hat, um dem weißen eine Schwäche zu verpassen. Wenige Züge später wählte Weiß unfreiwillig den schnellen Ausweg (langsamer Weg: Irgendwo gehen Bauern verloren usw...).

Der weiße König wollte mal ein Angreifer werden...Weiß am Zug kann Th6# nicht mehr verhindern.
Der weiße König wollte mal ein Angreifer werden...Weiß am Zug kann Th6# nicht mehr verhindern.

Merkmale der Partie, Regelabstraktion:

SGL:

- Läuferpaar nur für Schwächung der gegnerischen Struktur abgeben

- Struktur dem LOG anpassen

- Zielsetzung: Zerschlagung des Läuferpaares

- Mit der stärkeren Leichtfigur übrig bleiben

SML-Negativbeispiel:

- Keine freiwillige Aufgabe des LP ohne Eingeständnisse des Gegners

- LOG in Szene setzen

- Zielsetzung: Nicht abtauschen, wenn man mit der/den schwächeren Leichtfiguren übrig bleibt


Trompowsky

Leider konnte ich keine Partie des Namensgebers finden, in der er aufgrund eines ausgezeichneten Spiels gegen das Läuferpaar gewonnen hat. Dafür werden wir uns jedoch Partien aktueller Weltklassespieler zu Gemüte führen. Nur am Rande: Die in der nachfolgenden Partien gespielte Variante hat für mich eine besondere Bedeutung, denn sie bescherte mir damals in einer tollen Partie meine erste IM-Norm =).

Van Wely - Giri

Beide Spieler konnte ich bei meinen Einsätzen in der niederländischen Liga bereits aus unmittelbarer Nähe spielen sehen, weshalb ich mich in der Vorbereitung besonders gefreut habe, eine von Loek persönlich kommentierte Partie zu finden, die haargenau zu meinem Thema passt.

Loek nutzt zunächst seine Bauern, um den LOG auf g7 zu beschränken.
Loek nutzt zunächst seine Bauern, um den LOG auf g7 zu beschränken.

Schwarz kooperiert in der Partie weitestgehend, noch ahnungslos was für eine Stellung alsbald auf ihn zukommt. Ich habe es relativ selten gesehen, dass Anish Giri derart überspielt wird.

Weiß hat seinen Idealaufbau erreicht.
Weiß hat seinen Idealaufbau erreicht.

Nun steht er da, der arme Tor, und ist so nutzlos wie nie zuvor...Der LOG hat so ein gewaltiges Potential, weil der verbliebene gegnerische Läufer ihn nicht bekämpfen kann. Doch hier ist es Weiß gelungen, den potentiell starken Läufer auf h6 zu vertreiben, wo er ohne die Möglichkeit eines Bauernhebels auf die weiße Bauernstruktur schaut.

Das ein Anish Giri in schlechter Stellung nicht einfach tot umfällt, sondern noch zäh verteidigt, ist klar. Ein paar kleine Fehler von Loek und Anish konnte sich am Ende sehr über ein Remis freuen.

Merkmale der Partie, Regelabstraktion:

SGL:

- Beschränkung des LOG (hier sowohl mittels Struktur als auch mit dem Sh5)

- nach g3 muss nicht zwangsweise Lg2 kommen! (-> bestmögliche Wirkung des Lf1 war hier auf e2)

- Stellung erst öffnen, wenn man die Läufer unter Kontrolle hat

SML-Negativbeispiel:

- Verhindere um jeden Preis, dass dein LOG derart ausgespielt wird

- Eröffne deinem LOG stattdessen Perspektiven


Carlsen - Ivanchuk

Wie auch in den oberen Partien entstammt die nachfolgende Partie der gleichen Eröffnung. Doch Ivanchuk demonstriert gegen den Weltmeister, was entfesselte Läufer für eine Macht haben.

Se4!! Man muss die Stellung nicht immer mit Bauernvorstößen öffnen...
Se4!! Man muss die Stellung nicht immer mit Bauernvorstößen öffnen...

Im Gegensatz zu Giri hat Ivanchuk ein klares Ziel: die Stellung muss geöffnet werden. Wie man hier sehr gut erkennen kann, muss eine Stellungsöffnung nicht zwangsweise mit dem Vorzug oder Abtausch eines Bauern eingeleitet werden.

Die Läufer entfalten ihre Kraft, besonders der LOG, auf den es ankommt!
Die Läufer entfalten ihre Kraft, besonders der LOG, auf den es ankommt!

Ivanchuk hat es geschafft, den LOG auf g7 wunderbar in Szene zu setzen. Se4 war hierzu der Schlüssel. Im weiteren Verlauf gewann er den Bauern a2 und setzte seine Läufer nochmals mehr in Szene.

Eine glatte Gewinnstellung für Schwarz.
Eine glatte Gewinnstellung für Schwarz.

In wenigen Zügen werden beide Spieler taktisch fehlgreifen, erst Schwarz, dann Weiß. Meist verliert ja der, der den letzten Fehler macht, so auch hier.

Merkmale der Partie, Regelabstraktion:

SML:

- Stellung nach Möglichkeit positiv für die Läufer öffnen

- LOG in Szene setzen

SGL-Negativbeispiel:

- Prüfe jede mögliche Öffnung der Stellung (hier wurde Se4 wohl unterschätzt)


Abschlussprüfung

Oh nein, eine Prüfung?? Hier habt ihr nun die Möglichkeit, dass bisher erlernte Wissen in die Tat umzusetzen und die nachfolgende Stellung besser zu spielen als Wesley So.

Stellung nach Lxf6.
Stellung nach Lxf6.

Wie stehen die Chancen, dass Schwarz mithilfe seines entfernten  a-Bauerns den vollen Punkt einfahren kann und wie sollte er genau fortsetzen?

Die Auflösung gibt es hier.


5) Zusammenfassung

Mit dem über die Partien hinweg ermittelten Wissen ist es nun an der Zeit die anfangs gestellten Fragen zu beantworten und so einen Leitfaden für die Praxis zu haben.

 

1. Unter welchen Umständen kann man das Läuferpaar geben?

 

Ist es nicht zwangsweise nötig, so sollte man das eigene Läuferpaar (wörtliche Bedeutung) nicht ohne positionelle oder taktische Eingeständnisse des Gegners aufgeben. Im Idealfall (siehe Einführungsbeispiele) folgt der Kampf gegen das Läuferpaar unmittelbar danach. Sollte dies nicht möglich sein, versuche die gegnerischen Läufer gemäß Antwort auf Frage 2 zu bekämpfen.

 

2. Wie spielt man gegen das Läuferpaar?

 

Oberstes Ziel sollte die Limitierung der Wirkungsweise der Läufer sein. Soweit selber noch ein Läufer vorhanden ist, versuche den LOG des Gegners vorrangig zu beschränken. Effektivstes Mittel zur Beschränkung von Läufern sind neben einer generell geschlossenen Stellung vor allem die Bauern. Lege deine Struktur also so fest, dass sie den LOG maximal beschränkt. Wenn möglich (siehe Lubbe-Hentze u.a.), dann lege die Bauern des Gegners so fest, dass sie den LOG beschränken. Vorsicht: Bauern ziehen nur vorwärts, prüfe also jeden Bauernzug genau, bevor du ihn bereust. Weiterhin kannst du nach erfolgreicher Beschränkung (oder sie ist in Zukunft noch möglich) des LOG versuchen, den anderen Läufer des Gegners abzutauschen.

 

3. Wie spielt man mit dem Läuferpaar?

 

Beuge jeder Beschränkung deiner Läufer, vor allem aber jeder Beschränkung des LOG. Der LOG ist meist der potentiell gefährliche Läufer, denn dein Gegner kann diesem seinen Läufer nicht entgegensetzen. Des Weiteren solltest du es tunlichst vermeiden, ohne Eingeständnisse deines Gegenübers das Läuferpaar wieder aufzugeben. Insbesondere, wenn die Struktur für den verbleibenden Läufer ungünstig festgelegt ist oder festgelegt werden kann.

 

Ein letzter Ratschlag

Anwendungshinweis:

Mit derartigem Regelwissen solltest du im Schach stets vorsichtig umgehen. Sich Partien anzusehen, Regeln zu erarbeiten und sich Muster zu merken, kann von großem Wert sein. Aber prüfe die individuelle Stellung und frag dich, ob es sich nicht um eine Ausnahme von der Regel halten könnte.

Glückwunsch =)

Du hast den Artikel bis hier hin aufmerksam gelesen, die Inhalte verstanden und vielleicht sogar die entsprechenden Partien im Detail angeschaut? Dann bin ich mir sicher, dass es dir wie meinen Seminarteilnehmern geht. Viele von Ihnen haben bereits bei Teil II der Veranstaltung angefangen alte Denkmuster zu hinterfragen und durch Anwendung der Regeln eigene Zugvorschläge verbessert.

 

Ich wünsche euch viele tolle positionelle Partien und Kämpfe mit und gegen das Läuferpaar!

 

Nikolas


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