Über unverhoffte Siege und zerplatzte Träume


Inzwischen sitze ich schon wieder im Zug Richtung Braunschweig. Im Gepäck immer noch 22,5kg mehr oder weniger nützliche Sachen sowie jede Menge Erinnerungen an die Mannschaftseuropameisterschaft 2015. Bevor ich noch ein paar Sätze zum Endstand und meinen Eindrücken verliere, noch ein kurzer Rückblick auf die letzten beiden Runden.

In der vorletzten Runde trafen wir auf Serbien – ein sehr gefährliches Team, das im Turnier schon für die ein oder andere Überraschung sorgen konnte. Und es deutete Vieles darauf hin, dass auch wir nicht als Gewinner aus der Begegnung gehen würden. Unser Punktegarant Elisabeth kam über ein Remis nicht hinaus, meine anfangs angenehme Stellung kippte immer mehr zugunsten meiner Gegnerin, Filiz stand schlecht und bei Josefine war lange Zeit auch nicht mehr als ein halber Punkt in Aussicht. Am Ende konnten wir uns doch noch einen unverhofften Sieg erkämpfen. Filiz behielt in Zeitnot einen klaren Kopf und konnte in ein remises Turmendspiel abwickeln. Josefine überspielte ihre Gegnerin nach und nach und brachte uns mit einem wichtigen Sieg in Führung. Ich spielte als letztes und musste mich in einem schlechteren Turmendspiel herumquälen. Mit nur noch 30sek/Zug musste ich immer die richtige Verteidigung finden, was mir an einer Stelle beinahe nicht gelungen wäre. Ich war mir am Brett sicher, dass die Stellung nun verloren ist und spielte sogar schon mit dem Gedanken aufzugeben. Mit nur noch wenigen Sekunden auf der Uhr sah ich dann doch noch die rettende Verteidigung und sicherte uns den 2,5-1,5 Sieg.

Nach 8 Runden lagen wir damit auf einem hervorragenden 4.Platz – womit wir in der letzten Runde natürlich nicht um die dominierenden Russinnen herumkamen, denen nur noch ein 2-2 zum Titelgewinn fehlte. Die Situation erinnerte etwas an die Olympiade 2014, wo wir in der letzten Runde ebenfalls  auf Rang 4 standen und dann gegen Georgien leider eine 0-4-Niederlage einstecken mussten. Nunja, dieses Jahr konnten wir uns schon auf eine 1-3-Niederlage steigern, wobei Elisabeth und Filiz die beiden halben Punkte lieferten. Meine Partie gegen die 17-Jährige Aleksandra Goryachkina war eine typische Königsindisch Partie – ziemlich unüberschaubar (zumindest für mich) und sehr taktisch. Als der Rauch verzogen war, fand ich mich in einem schlechteren D/L-Endspiel wieder, dessen Gefährlichkeit ich erst erkannte, als es schon zu spät war.

Schade, denn so bin ich leider doch nicht ungeschlagen durch das Turnier gekommen. Dennoch bin ich mit meiner Leistung zufrieden. Aus 5 Schwarz- und 3 Weiß-Partien konnte ich 5 Punkte holen  und 15 Elopunkte gewinnen. Meine Partien waren zwar nicht immer fehlerfrei, aber auf jeden Fall kämpferisch und bis auf die letzte Runde mehr oder weniger solide.

Mit unserem Mannschaftsergebnis – dem 6. Platz – können wir auch zufrieden sein. Wir haben unseren Setzlistenplatz übertroffen und haben die meiste Zeit im vorderen Bereich mitgespielt. Ein großer Dank gilt an dieser Stelle auch unserem Mannschaftskapitän David Lobzhanidze, unserem Trainer Philipp Schlosser und dem Bundestrainer Dorian Rogozenko.

Eine hervorragende Performance hat Elisabeth an Brett 1 hingelegt: 7/9, Performance 2586 und damit lange Zeit Chancen auf eine GM-Norm und einen Brettpreis. Beides wurde am Ende leider knapp verfehlt – trotzdem ein super Ergebnis. Für Zoya (2,5/6) und Filiz (2/6) lief es nicht ganz so gut, wobei Filiz gegen Ende hin Fahrt aufnahm und gegen Griechenland und Serbien wichtige Punkte liefern konnte und Zoya uns gegen die Niederlande zum Sieg verhalf. Josefine gab mit 4/7 Punkten einen ordentlichen Einstand.

Insgesamt sah der Endstand im Frauenturnier dann wie folgt aus:

Russland             17

Ukraine              15

Georgien            14

Polen                 11

Frankreich          11

Deutschland       11

Im offenen Turnier konnte sich ebenfalls Russland die Meisterschaft sichern, mit Armenien, Ungarn und Frankreich punktgleich auf den Plätzen 2-4. Einen kleinen Skandal gab es in dem Zusammenhang bei der Veröffentlichung des Endstandes. Da die Feinwertung über Silber und Bronze entschied und diese sich in der Schlussrunde noch mal deutlich veränderte, rutschte Frankreich – trotz Schlussrundensieg und kontinuierlicher TOP 3 Platzierung – plötzlich auf Rang 4. Damit nicht genug, war der Endstand kurze Zeit fälschlich – mit Frankreich auf Platz 3 – im Netz auffindbar: bitter! Unsere deutschen Männer landeten wie wir auf einem guten sechsten Platz!

Die Siegerehrung war übrigens nicht besonders spannend. Meine Highlights waren Grischuks Grimassen beim Gruppenfoto auf der Bühne und der ein oder andere Lachanfall mit Filiz. Zwei Stunden stehen auf – von Raj zu den höchsten Schuhen des Turnier erklären – Highheels war dann aber doch kein so großes Vergnügen.

Mein Fazit zum Turnier: Schachlich gut, organisatorisch zufriedenstellend, geografisch super – Island ist auf jeden Fall eine Reise wert.

 

Ich habe gestern übrigens die letzte Partie unter meinem Namen gespielt – die nächste werde ich dann als Melanie Lubbe bestreiten. Vielleicht bringt mir das ja ein paar zusätzliche Elopunkte ein :-).