"Schachberichten fehlt die Geschichte!"


Es gibt Momente, Ereignisse, Begegnungen im Leben, nach denen man plötzlich hochmotiviert ist, etwas Bestimmtes zu tun. Zum Beispiel ein Buch zu schreiben, Sport zu machen oder in ein fremdes Land zu reisen. Die Akademie der Deutschen Schachjugend hat in mir genau solche Empfindungen ausgelöst. Und zwar insbesondere in Bezug auf das Schreiben von Berichten über schachbezogene Veranstaltungen.
Ich bilde mir ein, dass genau diese Motivation die Ursache dafür ist, dass ich hier – früh um 09.00 Uhr – am Frankfurter Flughafen sitze und nach einem recht anstrengenden Turnier und einer schlaflosen Nacht nichts Besseres zu tun habe, als diesen Bericht zu verfassen … und ich auch noch Spaß daran habe. Und der einzige Grund, warum ich erst jetzt – eine Woche nach der Akademie – mit dem Schreiben beginne, besteht darin, dass ich während des Turniers in Griechenland in meiner Freizeit dann doch lieber die Sonne und das Meer genießen wollte, was sich denkbar schlecht mit einer Arbeit auf dem Laptop verbinden lässt.
Hier am Flughafen gibt es weder Meer noch Strand, noch übermäßig viel Sonne, so dass ich nun meinen Bericht ungestört beginnen kann. Bei der DSJ-Akademie handelt es sich um eine Veranstaltung, die seit 2007 jährlich stattfindet und sich immer größerer Beliebtheit erfreut (dieses Jahr waren es 71 Teilnehmer!). Die Teilnehmer erwartet eine Reihe interessante Veranstaltungen, wobei sie stets zwischen mehreren zeitgleich stattfindenden Workshops bzw. Vorträgen wählen können. Das Ganze fand dieses Jahr (wie auch schon die letzten vier Mal) in der Akademie in Rotenburg statt, einem schlichten aber einer solchen Veranstaltung völlig angemessenem Hotel. Das Essen war gut und es gab sogar ein Schwimmbad und eine Sauna, sowie mehrere Aufenthaltsräume. Die von der DSJ erhobene Teilnahmegebühr von 35 Euro (in der die Übernachtung und Vollverpflegung inbegriffen waren) halte ich für sehr fair.
Für mich war es die erste Akademie. Ich hatte zwar bereits im Rahmen des Frauen- und Mädchenschachkongresses gemeinsam mit Christian Warneke ein Seminar über Entwicklungspsychologie geleitet, hatte damals aber leider keine Zeit, an den anderen Bausteinen teilzunehmen. Auch diesmal durfte ich als Referentin tätig sein. Mein Thema war die Sportpsychologie. Ein anspruchsvolles, da sehr umfangreiches, Thema, dem ich mich mit viel Freude und Tatendrang genähert habe. Hier ergab sich für mich also schon der erste Gewinn: Natürlich habe ich fast alle von mir vorbereiteten Inhalte bereits  in meinem Psychologie-Studium kennengelernt. Aber es ist schon etwas anderes, wenn man diese dann selbst vortragen und außerdem noch mit Schach verbinden möchte. Auf diese Weise setzt man sich viel tiefer mit einem Thema auseinander und erzielt somit optimaler Weise bessere Gedächtniseffekte sowie den Gewinn zusätzlicher Erkenntnisse.
Ich war mit meinem Baustein gleich Samstag früh um 09.00 Uhr dran. Zeitgleich fanden noch die Seminare „Umgang mit schwierigen Kindern“, „Trainingsarbeit mit schwächeren Kindern“ und „Und Action! Das Schachvideo“ statt. In jedem Seminar saßen 15-25 Teilnehmer unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen beruflichen und schachlichen Hintergründen. Ich habe diese Zusammensetzung als sehr wertvoll empfunden: So wurden stets verschiedene Sichtweisen geäußert, was zu regen Diskussionen und somit zu neuen Denkansätzen und Einsichten führte. Wir haben uns mit Konstrukten wie Aufmerksamkeit, Motivation, Urteilen und Entscheiden sowie mit Emotionen beschäftigt. Zur Persönlichkeit von Sportlern sind wir dank zahlreicher Beiträge seitens der Teilnehmer nicht mehr gekommen. Für mich waren diese Beiträge auf jeden Fall eine Bereicherung. Und auch das Reden vor einer fachfremden Gruppe  ist sicherlich eine sehr gute Übung (zum Beispiel konnte ich die Anzahl  meiner geäußerten „ähms“  laut eines eifrigen Mitzählers im Laufe des Seminars drastisch reduzieren :-)).
Nach dem Mittagessen durfte ich dann selbst als Zuhörerin tätig sein. Zumindest dachte ich das. Dann kam es aber doch anders, da in dem Seminar „Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen“  vor allem die Teilnehmer aktiv sein sollten. Das stellte sich als ein sehr nützliches Vorgehen heraus. Denn die Zeit verging wie im Flug und nach 2,5 Stunden hatten wir zwei Hände voll goldener Regeln zu diesem Thema erarbeitet.
Anschließend ging es zur Schreibwerkstatt. Dieses, von Johannes Fischer geleitete, Seminar gab mir wichtigen Input zum Schreiben von Berichten. Johannes, der selbst für verschiedene Schachzeitschriften Texte verfasst, gab uns nützliche Tipps und Tricks sowie einige nützliche Grundsätze mit auf den Weg. Den ersten Grundsatz habe ich bereits missachtet. Dieser besagt, dass man immer zeitnah über ein Erlebnis berichten soll. Nunja, vielleicht kann man 8 Tage noch als zeitnah durchgehen lassen…  Außerdem haben wir erfahren, dass es oft hilfreich ist, einen Bericht in Form einer Geschichte zu verfassen. Das bedeutet nicht, dass man mit der berühmten Phrase „Es war einmal…“ beginnen muss. Man sollte aber darauf achten, dass der Artikel sozusagen lebt. Das erreicht man, in dem man kleine Anekdoten und interessante Details einfügt damit der Leser sich in die Situation hineinversetzen kann. Es macht also einen großen Unterschied, ob man schreibt, dass der Mannschaftskampf zwischen Team A und Team B unentschieden ausgegangen ist und dann alle Einzelergebnisse auflistet, oder ob man diese Fakten in Ausführungen über die Turniersituation, einzelne spannende Partiesituationen und Hintergrundinformationen über die Spieler einbettet. Natürlich muss man immer den Kontext beachten. Man kann schließlich nicht als Anzeige in einer lokalen Zeitung einen fünfseitigen Essay einreichen. Aber ich muss mich zum Glück bei meiner Homepage nicht beschränken und kann mich somit wunderbar im Geschichtenerzählen üben (wobei ich hier ausdrücklich betone, dass Geschichte in diesem Fall nichts mit Fiktion zu tun hat).
Mein Wahlseminar am Sonntag befasste sich mit dem Aufbau einer eigenen Vereinshomepage. Für mich insofern von Bedeutung, als dass dort auch grundlegende Dinge wie HTML sowie rechtliche Aspekte beleuchtet wurden.
Zum Schluss gab es dann noch eine Abschlussrunde mit allen Teilnehmern, Referenten und Organisatoren. Dort wurden Ergebnisse der Workshops präsentiert, die Akademie sowie die einzelnen Seminare und Referenten bewertet, sowie Wünsche fürs nächste Jahr geäußert. Ich denke, dass die meisten Anwesenden mit meinem Fazit übereinstimmen: Super Organisation, interessante Themen, produktive Atmosphäre, tolle Veranstaltung, unbedingt zu empfehlen!