Vorbericht


Liebe Schachspieler(innen), Freunde, Bekannte, Verwandte und alle, die sich sonst noch so auf meine Seite verirrt haben,

morgen ist es soweit und das wohl größte Event, das der Schachsport zu bieten hat, beginnt. Die Schacholympiade findet dieses Jahr in Istanbul – einer der schönsten Städte der Welt – statt und wird bis zum 09.09.2012 dauern. Um es gleich vornewegzunehmen: Ich werde dieses Mal nicht über meine Mannschaftskolleginnen berichten. Das bedeutet nicht, dass ich das nicht gerne tun würde oder dass ich mein Abschneiden für relevanter halte, es dient einzig und allein der Konfliktprävention. In einem Gespräch mit Bundestrainer Uwe Bönsch, unserem Mannschaftskapitän Raj Tischbierek und dem Leistungssportreferent Klaus Deventer kamen wir überein, dass es wohl das Beste ist, wenn ich während dem Turnier nichts über die anderen Mannschaftsmitglieder veröffentliche, da es immer mal passieren kann, dass ich mich unglücklich ausdrücke und eigentlich nett gemeinte Worte falsch verstanden werden. Dafür werde ich dann umso mehr über die Männer und unsere Trainer herziehen. :-) Außerdem wird Jens-Uwe Maiwald (wie ich heute erfahren habe) als Außenstehender vom Geschehen berichten und hoffentlich auch dem gesamten Frauenteam jeden Tag ein paar Zeilen widmen. Ich persönlich habe mir vorgenommen, jeden Tag zu schreiben; möchte aber nichts versprechen, falls ich während dem Turnier merke, dass mich das Bloggen zu viel Kraft kostet. Bisher habe ich das Berichten aber meist als angenehme Abendbeschäftigung empfunden, die es mir ermöglicht, selbst noch einmal den Tag Revue passieren zu lassen und meiner Meinung nach interessante Details der Öffentlichkeit preis zu geben- :-) So, jetzt aber genug ums Thema herumgequatscht….

Der heutige Anreisetag gestaltete sich für mich ziemlich stressig. Das war aber hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass ich morgens noch eine Klausur schreiben und dann zeitnah zum Flughafen nach Frankfurt a.M. fahren musste. Auf dem Weg dorthin ereignete sich schon eine lustige Begebenheit: In der Bahn wurde ich von einem Mann gefragt, wo ich denn hinfahren würde. Ich antwortete wahrheitsgemäß und wollte mich eigentlich auf kein weiteres Gespräch einlassen. Das war aber gar nicht so einfach, da der Mann (der selbst zwei Jahre lang in Istanbul gelebt hatte) mir daraufhin seine gesamte Lebensgeschichte und die seines Freundes und dessen zweiter Ehefrau (jaja, die leben auch in Istanbul) erzählte. Der gute Herr begleitet mich sogar bis ans Gleis und auch wenn ich eigentlich kaum etwas gesagt habe und seine Ausführungen nur stumm erduldet hatte, schien er untröstlich, dass er mich nicht weiter begleiten konnte… Naja, jedenfalls betonte er mehrmals, dass Istanbul mit Abstand die schönste Stadt der Welt sei („das können Sie mir ruhig glauben, ich war nämlich auch schon in Paris, New York und so“) und ich mich auf eine tolle Zeit dort freuen könne. Ich bin also mal sehr gespannt, auch wenn unser Hotel direkt neben dem Flughafen und damit 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist und ich deshalb wahrscheinlich nicht oft nach Istanbul rein fahren werde.

Der Rest der Reise verlief eigentlich ganz ruhig. Ich muss sagen, dass ich von der türkischen Airline echt begeistert bin. Das Essen war einfach der Hammer. Ich habe im Flugzeug noch nie Lachs vorgesetzt bekommen und auch der Käsekuchen war echt lecker… Während des Fluges habe ich vorbildlich ununterbrochen Taktikaufgaben gelöst. Einerseits hatte ich echt Lust darauf, andererseits wohl auch ein schlechtes Gewissen, da ich mich in den letzten zwei Wochen eher mit klinischen Störungen als mit Schach auseinandergesetzt habe.

Istanbul begrüßte mich mit viel Regen und einer schier unendlichen Wartezeit an der Passkontrolle. Außerdem stand meine Reisetasche wohl eine Zeit lang unter freiem Himmel, da ich sie klitschnass wieder in Empfang nehmen durfte. Auch das lange Warten auf einen Shuttle-Bus zum Hotel (mit dem wir dann keine fünf Minuten gefahren sind) trug nicht gerade zu einer guten Stimmung bei. Dann funktionierte noch meine Zimmerkarte nicht und ich hatte schlussendlich kaum noch Zeit, um mich für unseren Fototermin um 21.15 Uhr (Ortszeit) in einigermaßen ansehnlichen Zustand zu bringen (geschweige denn Abendbrot zu essen). Dann musste ich zu allem Übel auch noch feststellen, dass ich die Akkus für meine Kamera, die ich extra noch am Flughafen gekauft hatte, erst aufladen musste um sie benutzen zu können. Das bedeutet: keine Fotos von der Eröffnungsveranstaltung. :-) Aaaaber: Das Hotelzimmer ist echt schön und als ich mit noch halbnassen Haaren auf dem Weg in die Lobby war, stieg langsam auch die Vorfreude auf das Turnier und damit meine Stimmung.

Aus dem Fototermin wurde nicht so richtig was, da einige Spieler noch nicht anwesend waren. Es sah aber doch ganz schick aus, wie wir da alle so mit unserer Teamkleidung standen und uns für ein Foto zusammendrängelten.

Die Eröffnungsveranstaltung war wirklich gut gemacht. Einziges Manko war, dass man von hinten (und wir saßen hinten) kaum noch etwas sehen konnte. Die etwa 1,5-stündige Show begann mit mehreren Balletteinlagen, begleitet von Lichteffekten und türkischer Musik. Soweit ich weiß, konnte man sich das Spektakel auch im Internet anschauen und so ein bisschen Olympia-Flair genießen. Anschließend wurden die Fahnen von den insgesamt 164 teilnehmenden Nationen reingetragen und die FIDE-Flagge gehisst. Dann kam der Teil, der bei jeder Veranstaltung irgendwie mit dazu gehört und bei dem jeder hofft, dass er doch bitte, bitte nicht allzu lang ausfallen wird. Ich spreche von den Reden. Jeder der anwesenden B-Promis der etwas von sich hält (und das sind meist ziemlich viele) formuliert ein paar (oder ein paar mehr) Worte, die eigentlich immer das gleiche beinhalten und auch in einen Satz gepasst hätten: „Das wird eine ganz, ganz tolle Veranstaltung“. Alles wird noch in verschiedene Sprachen übersetzt, damit auch niemandem der wichtige Inhalt entgeht und am Ende sind alle nur noch froh, wenn es vorbei ist. Hier in Istanbul war es nicht ganz so schlimm. Man hatte sich eine (wie ich finde) sehr gute Möglichkeit ausgedacht, um die ganzen Übersetzungen parallel ablaufen lassen zu können und somit wertvolle Zeit zu sparen. Jeder bekam ein Audiogerät , an dem man eine von drei Live-Übersetzungen auswählen konnte. Zuerst kam der Präsident des türkischen Schachverbandes zu Wort, der sich quasi in Eigenlob badete. Anschließend sagte wie jedes Mal der FIDE-Präsident ein paar Zeilen (sein Englisch wird jedes Mal besser) und zum Schluss hielt noch der türkische Minister für Jugend und Sport eine Rede. Ich muss sagen, dass mir diese letzte Rede sogar fast gefallen hat. Der Minister sparte sich die üblichen Dinge und widmete sich dagegen Themen wie Terrorismus und dem Weltfrieden und betonte die Wichtigkeit von Zusammenhalt („…you are the messengers of brotherhood, peace and tolerance…“). Zudem sprach er sich dafür aus, dass jedes Kind in der Türkei Schach lernen sollte… na wenn das mal keine vernünftige Botschaft ist. Abschließend wurde die Farbverteilung ausgelost und die Olympiade eröffnet. Das Motto lautet auch diesmal wieder „Gens una sumus“ – Wir sind eine Familie.

So, jetzt ist es schon ganz schön spät und ich freue mich auf mein Bett. Die Paarungen sind noch nicht bekannt, werden aber hoffentlich morgen früh veröffentlicht werden.

 

In diesem Sinne: Gute Nacht und bis morgen! :-)

 

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