Tag 6


11.08.2011 – Besichtigung eines Klosters, das gar nicht mehr vorhanden ist und ein verlorener Koffer

Heute hatten wir nur bis 14.00 Uhr Unterricht und somit noch genügend Zeit eine weitere Sehenswürdigkeit der Stadt zu besichtigen. Wir hatten in einem Reiseführer ein interessantes Kloster entdeckt, das uns einen Besuch wert zu sein schien. Mir wurde gesagt, dass die Klöster in Russland äußerst kunstvoll gestaltet seien, da sie große finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen würden. Bevor wir uns auf den Weg machen konnten, verging jedoch noch eine geschlagene Stunde, da die männlichen Teilnehmer (ja: die Männer) unserer kleinen Reisegruppe einfach nicht aus dem Knick kamen.

Nach einer weiteren Stunde, die wir hauptsächlich in der U-Bahn verbrachten, erreichten wir schließlich unsere Zielhaltestelle, von welcher wir zu dem Kloster laufen wollten. Unser Weg führte uns durch den so genannten Pärchenpark (der seinem Namen alle Ehre machte) und zu einer Gedenkstätte Lenins. Auf einem Torbogen stand dort in großen Buchstaben geschrieben: Proletarier aller Länder vereinigt euch! (natürlich auf Russisch). Wir ließen es uns nicht nehmen, uns unter dem Schriftzug in passender Pose fotografieren zu lassen. Ich glaube die vorbeigehenden Russen waren davon nicht gerade angetan…

Weiter ging es in Richtung Kloster. Als wir an dem im Reiseführer beschriebenen Ort angelangt waren, sahen wir ein hübsches Gebäude, welches zwar nicht an ein Kloster erinnerte aber zweifelsfrei unser Zielort sein musste. Wir gingen also hinein und wollten an der Kasse Besichtigungskarten für das Kloster kaufen. Daraufhin fing die Kassiererin an zu lachen und erklärte uns, dass dieses Kloster schon vor Jahren abgerissen worden sei. Wir könnten aber stattdessen eine Ausstellung besichtigen oder auf den Turm des Gebäudes steigen um einen guten Blick über die Stadt zu haben. Wir entschieden uns für Letzteres und stiegen die 286 Stufen zu unserem Aussichtspunkt nach oben. Wie man anhand der Fotos erkennen kann, hat sich die Anstrengung aber durchaus gelohnt. Allerdings sollten wir in Zukunft keine Reiseführer mehr aus DDR-Zeiten benutzen…


Auf dem Rückweg durch den Park kamen wir an einer Tafel vorbei, die die verschiedenen Sehenswürdigkeiten des Parks mit Namen und Standort abbildete. Erstaunt stellte ich fest, dass ich gerade an einem Schachzentrum vorbeigelaufen war. Leider hatte ich nicht mehr genug Zeit dieses zu inspizieren … ich werde aber früher oder später an diesen Ort zurückkehren und die russischen Trainingsmethoden einmal gründlich unter die Lupe nehmen :-)

Den Rest des Tages verbrachte ich dann im Flughafen. Wie es dazu kam ist eine lange Geschichte, die ich hier nur kurz wiedergeben möchte. Einem Studienstiftler (Martin), dessen Unterkunft übrigens direkt neben meiner liegt, ist bei der Anreise (die ja inzwischen schon mehrere Tage her ist) sein Koffer abhandengekommen. Nach mehreren Telefonaten stellte sich heraus, dass dieser in Moskau geblieben war, sich inzwischen aber in St. Petersburg befinde. Also fuhren wir zum Flughafen um das verlorene Gepäckstück abzuholen. Leider war das bei weitem nicht so einfach wie wir gehofft hatten. Sogleich wurde uns mittgeteilt, dass wir für die Rückgabe des Koffers umgerechnet ca. 80 Euro bezahlen sollten. Martin war sich jedoch keiner Schuld bewusst und weigerte sich zunächst das Geld zu bezahlen. Es folgte eine lange Diskussion (auf Russisch, da die Zuständigen dort keine anderen Sprachen verstanden oder nicht verstehen wollten). Das war natürlich nicht so einfach, da unser beider Russisch eigentlich nicht verhandlungssicher ist und die Unterhaltung mit der Zeit auch immer emotionaler wurde. Im Nachhinein glaube ich, dass die Beamten vor Ort keine Schuld trifft. Sie haben uns versucht zu erklären, wofür das Geld bezahlt wird (für den Transportweg und die Verwaltungskosten) und haben uns auch Ratschläge gegeben, wie wir am besten verfahren sollten. Aber wir empfanden die Situation einfach als viel zu ungerecht als das wir das einfach so hätten hinnehmen können. Hinzu kam noch, dass Martin ein bestimmtes Formular (was auch nur auf Russisch vorhanden war) insgesamt drei Mal ausfüllen musste. Das erste Mal wurde ein durchgestrichenes Wort nicht akzeptiert und das zweite Mal war die Schrift zu unordentlich. Doch das Beste war eigentlich der Inhalt des Formulars. Es sollte haargenau aufgeschrieben werden, was sich in dem Koffer befand, wo diese Sachen hergestellt worden waren (!) und wie viel sie gekostet haben.

Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie man sich in so einer Situation verhalten sollte. Es war glaub ich ganz gut, dass wir trotz allem noch sachlich geblieben sind und alles hinterfragt haben. Ich möchte niemandem unterstellen, dass das Geld irgendwo hinkommt, wo es nicht hingehört, aber die ganze Angelegenheit kam uns doch etwas merkwürdig vor. Also habe ich mir die Namen der Beamten aufgeschrieben und eine Kopie des Formulars mitgenommen. Geholfen hat es allerdings nichts, da Martin am Ende trotzdem die 80 Euro (+ noch ca. 10 Euro Bearbeitungsgebühren!) bezahlen musste. Wie hoffen, dass Martin das Geld zurückerstattet bekommt, aber große Erfolgsaussichten bestehen glaube ich nicht.

Naja, jedenfalls haben wir so noch eine andere Seite Russlands kennengelernt und ich bin hier zum ersten Mal mit dem Bus gefahren. Die Russen haben eine ganz eigene Methode Schwarzfahrern vorzubeugen. Entweder man bezahlt beim Ausstieg (!) oder ein Kontrolleur sammelt an jeder Haltestelle von den neu zugestiegenen Fahrgästen direkt das Geld ein.

Als ich dann endlich wieder zuhause war, war es schon sehr spät und auf mich wartete eine weitere (böse) Überraschung: aufgrund der späten Uhrzeit gab es für mich kein Essen mehr… Tja, Pech gehabt. Am besten ich geh gleich schlafen und freu mich aufs Frühstück!