Tag 3


Ich merke, dass ich langsam aus dem Jugendalter raus bin… sechs Stunden Schlaf sind einfach zu wenig. Das musste ich heute Morgen auf dem Weg zum Frühstück schmerzhaft feststellen. Und wieder mal nehme ich mir vor, heute wirklich eher schlafen zu gehen. Aber wenn man erst gegen 9 im Hotel ist, dann noch was essen will, Bericht schreiben darf, vorbereiten und Partie analysieren muss, dann ist das gar nicht so einfach. Außerdem sind Open ja auch immer eine Gelegenheit, um Zeit mit Freunden zu verbringen, die man nur 2-3 mal im Jahr auf Turnieren trifft…

Jedenfalls ist Schlafmangel selbstverständlich nicht die optimale Grundlage für eine maximale kognitive Leistungsfähigkeit, was ich hier aber nicht als Ausrede für meine verbesserungswürdige Leistung von gestern anbringen möchte :-). Heute lief es dann auch schon etwas besser. Ich war zwar mal wieder nach dem ersten Zug nicht mehr in meiner Vorbereitung, ansonsten verlief die Eröffnung in der vierten Runde jedoch weitgehend nach Plan. Mit Weiß konnte ich schnell eine angenehme Stellung erreichen und meinen Gegner Pascal Flierl (2204) immer wieder vor Probleme stellen. Schließlich hatte er viel zu wenig Zeit, um meine Drohungen ordentlich parieren zu können und musste sich schließlich geschlagen geben. Diesmal verfügte ich am Ende der Partie sogar noch über ausreichend Bedenkzeit. Das war hier bisher noch nicht so oft der Fall. 2h für 40 Züge ist insgesamt gesehen eigentlich mehr Zeit als die moderne Fischer-Bedenkzeit (90min + 30 Sekunden pro Zug), mit der ich in den letzten Jahren hauptsächlich gespielt habe. Trotzdem hatte ich in den letzten Runden meist ein paar Zeitprobleme. Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass man diesen Puffer von 30 Sekunden nicht mehr hat und die Zeit irgendwann einfach weg ist.

In der fünften Runde hat Caissa es sehr gut mit mir gemeint. Mit Schwarz stand ich nach einigen Zügen gegen Norman Schütze (2246) sehr bedenklich und ich erwartete jederzeit den vernichtenden Einschlag. Ich konnte mich jedoch erstaunlich lange über Wasser halten und irgendwann begann sich das Blatt zu wenden. Mit einer netten Kombination konnte ich schließlich die Qualität und wenig später die Partie gewinnen. Eine besonders spannende Partie lieferten sich Leonid Milov und Nikolas Lubbe. Schwarz hatte zwar bald eine Figur mehr, musste aber ununterbrochen die Mattdrohungen des Gegners parieren und wanderte so mit dem König über das ganze Brett. Am Ende konnte Niko die Partie für sich entscheiden und mit 4,5/5 eine ordentliche Leistung erzielen (Performance 2620). Leider ist es bei Open-Turnieren oft sehr schwer eine Norm zu erzielen. Meist scheitert es entweder an der geforderten Ausländerzahl (5 Nationen) oder an zu wenigen Titelträgern.

Nach fünf Runden liegen Vladimir Burmakin und Nikolas Lubbe mit 4,5 Punkten auf dem geteilten ersten Platz. Dahinter folgen Ilja Schneider, Rainer Buhmann, Ilmars Starostits, Thorsten Schmitz, Zigurds Lanka, Andreas Strunski und ich mit jeweils 4 Punkten. Burmakin hatte gerade sein erstes Remis gegen Rainer Buhmann abgegeben und damit schon mal den stärksten Gegner weg. Trotzdem bleibt es spannend.

Milov, Leonid (2504) - Lubbe, Nikolas(2408)

[B01] Boeblingen 2011 (5.2), 28.12.2011 [Lubbe]

1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sf3 Lg4 4.Le2 Sc6 5.d4 0-0-0 6.c4 Df5 7.Le3 Hier verliessen mich leider meine Theoriekenntnisse, da ich Anti-Skandinavisch nicht erwartete und auch länger nicht angeschaut hatte. 7...Lxf3 [7...Sf6 Wird neben Lxf3 auch häufig gespielt: 8.Sbd2 e5 9.d5 Sb4 10.0-0 Sc2 11.Tc1 Sxe3 12.fxe3 Lc5 13.Tc3 Dh5=] 8.Lxf3 Sxd4 9.Lxd4 [9.Lg4 Führt ebenfalls zu interessantem Angriffspiel von Weiß gegen einen Bauern 9...Sc2+ 10.Dxc2 Dxg4 11.0-0] 9...De6+ 10.Le2 De4 11.0-0 Txd4? [11...Dxd4! Ist hier wohl der Hauptzug 12.Da4 e6 13.Sc3 Ld6 14.Sb5 De5 15.Sxd6+ cxd6 16.Lf3 Kb8 17.Tfe1 Dc5 18.b4 Dc7 19.Tac1 Se7 0-1 D'Amore,C (2476)-Prie,E (2513)/Arvier 2007/CBM 118 ext (58)] 12.Da4 Dxe2? Nun wird es sehr kritisch für Schwarz! [12...De5 Es ist vielleicht besser den Bauern wieder herzugeben und zu versuchen seine Stellung zusammen zu halten. 13.Dxa7 c6+/=] 13.Dxa7 Guter Rat ist hier teuer! Der weiße Angriff ist durchschlagend, und zwar in allen Varianten...

13...Tg4?? [13...Dxb2 14.Sa3! (14.Da8+? Kd7 15.Dxf8 Dxa1! 16.Dxg7 Sf6 17.Dxh8 Dxa2 18.Sc3 Dxc4-/+ Und Schwarz sollte mit seinem König in sicheren Gewässern mitsamt Mehrbauern angekommen sein.) 14...Td3 15.Sb5 Sf6 16.Tab1 De5 17.Tfd1 De4 18.Sc3 Dxc4 19.Txd3 Dxd3 20.Dxb7+ Kd7 21.Td1 Dxd1+ 22.Sxd1 g6+-; 13...De5 14.Sc3 Sh6! Falls der König irgendwann anfangen kann zu wandern... 15.Tfe1 Versperrt dem König jegliche Flucht 15...Df6 16.Tad1 Sf5 17.Sb5+-; 13...Td3 14.Sc3 Dxb2 15.Sa4 Da3 16.Tad1 e5 17.Da8+ Kd7 18.Txd3+ Dxd3 19.Dxf8+-] 14.h3! Völlig übersehen! Wäre h3 nicht gegangen wäre Tg4 ein guter Zug... [14.g3 Sh6 15.Sc3 Dxc4 16.Da8+ Kd7 17.Tad1+ Ke6 18.Tfe1+ Kf6 19.Td8 Sf5; 14.Sc3 Txg2+ 15.Kxg2 Dg4+=] 14...Tg6 15.Da8+! [15.Sc3?? Auf so einen Fehler hatte ich andauernd gehofft =) 15...Ta6! 16.Dc5 (16.Dxa6?? Dxf1+! 17.Kxf1 bxa6-+) 16...De6=/+] 15...Kd7 16.Sc3 Dxb2 17.Tad1+ Td6 18.Sb5 [18.c5 Wäre wohl unkomplizierter für Weiß gewesen... 18...Txd1 (18...Dxc3 19.cxd6 exd6 20.Dxf8+-; 18...Sf6 19.cxd6 exd6 20.Da4+ c6 21.Tb1+-) 19.Txd1+ Ke6 20.Dc8+ Kf6 21.Sd5+ Kg6 22.Dg4+ Kh6 23.Dh4+ Kg6 24.Sf4+ Kf5 25.Dg4+ Kf6 26.Sh5+ Ke5 27.Dg5+ f5 28.De3#] 18...Sh6 Objektiv nicht der beste, aber er behält noch Chancen, da Schwarz immernoch einen Läufer mehr hat...Auch wenn die Hoffnungen nicht groß sind! [18...Txd1 19.Txd1+ Ke6 20.Sxc7+ Kf6 21.Sd5+ Kg6 22.Dxf8+-] 19.Dxb7 Dxa2 Da der König aufgrund von Sc7+ sonst nicht anfangen kann zu "fliehen" =) 20.Tfe1

Da5 Bis hier hin hat Weiß alles mehr als richtig gemacht! 21.Sa7?? [21.c5!! Txd1 22.Txd1+ (22.c6+ Auch nett... 22...Ke8 23.Sxc7+ Dxc7 24.Txd1+-) 22...Ke6 23.Dc6+ Nebst Matt in 7...] 21...e5 Milov übersah diesen Zug und verbrauchte nun fast all seine Zeit, doch fand den (sehr sehr komplizierten) Gewinn nicht! 22.Dc8+ Ke7 23.Sb5?? [23.Sc6+! Der Beginn einer langen Gewinnvariante...Wer dies mitsamt der Endkombination am Brett wohl gefunden hätte? 23...Txc6 24.Dd7+ Kf6 25.Dxc6+ Ld6 (25...Kg5 26.h4+ Kxh4 27.De4+ Kh5 28.Td5+-) 26.Txd6+ cxd6 27.Dxd6+ Kf5 28.g4+ Kf4 29.Txe5!! Sehr schönes Motiv! 29...Dxe5 30.Dd2+ Kf3 31.Dd3+ Kf4 32.Dg3+ Ke4 (32...Kg5 33.Dxe5++-) 33.De3#] 23...Txd1 24.Txd1 Kf6! Der erste Schritt auf dem Weg in Sicherheit! 25.g4? Aufgrund der Zeitnot Milov´s wohl eher eine Art Verzweiflungstat... [25.Dd8+! Kg6 26.h4 f6 27.De8+ Kf5 28.Dd7+ Kg6 29.De8+=] 25...Db6 Objektiv wohl wirklich nicht der Beste! Doch eine einzige Falle wollte ich auch noch aufstellen ;-).... 26.h4?? Und siehe da, auch ein starker Spieler wie Milov sieht nicht alles!

26...Dxf2+!! 27.Kxf2 Lc5+ 28.Kf3 Txc8 29.g5+ Ke6 30.gxh6 g6 Der Bauer h6 wird fallen, der Läufer dominiert den Springer! Eine aussichtslose Stellung für Weiß... 31.Td5 Ld6 32.Td1 Lf8 33.Sa7 Tb8 34.Sc6 Tb3+ 35.Kg2 Tb6 36.Sd8+ Ke7 Und der Springer ist fast gefangen... 37.c5 Tf6 38.c6 Lxh6 39.Td7+ Ke8 Es mag vielleicht nach etwas aussehen, aber c6, Td7 und Sd8 drohen nichts und binden sich nur gegenseitig... 40.Td5 Lf4 41.Kf3 h6 42.Ke4 Lg3 43.Td3 Tf4+ 44.Ke3 Td4 45.Sb7 Txd3+ 46.Kxd3 Lxh4 47.Ke4 Lg3 48.Sc5 Ke7 49.Kd5 f5 50.Se6 e4 51.Sd4 h5 Eine wirklich starke Angriffspartie von Milov, obgleich der tatsächliche Erfolg ausblieb...Aber es gab schöne Motive, ein brennendes Brett, viele interessante Matts und es wurde gezeigt, dass auch der stärkste Angriff durch nur einen falschen Zug verpuffen kann. Im Turnierverlauf wurde Milov jedoch noch 3., das hat ihn wohl diese Niederlage vergessen lassen. :-)

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