Tag 1 - Anreise nach Merlimont


Ich muss gestehen, dass ich etwas aufgeregt bin und zwar vor allem angesichts des bevorstehenden Mitropa-Cups, der vom 07.-17.10.2011 in Merlimont (Frankreich) stattfinden wird. Diese Aufregung begründet sich vor allem in der Tatsache, dass ich mich die letzten Monate leider nicht besonders viel mit Schach beschäftigt habe und mich dementsprechend etwas unvorbereitet fühle. Meine letzte Turnierpartie im Normalschach liegt immerhin über fünf Monate zurück und ich habe bereits letzte Woche bei meinem ersten Ligaspiel in dieser Saison gemerkt, dass ich etwas aus der Übung gekommen bin. Nichtsdestotrotz freue ich mich riesig auf das Turnier, denn der Spaß an Schach wird mir glaube ich nicht so schnell vergehen und meine dürftige Praxis im letzten halben Jahr war ja auch ausschließlich zeitlichen Engpässen verschuldet und nicht einem generellen Desinteresse an dem Spiel.

Jedenfalls war ich voller Vorfreude, als ich heute Morgen meine Wohnung verließ und mit dem Zug in Richtung Frankfurt Flughafen fuhr. Die Anreise verlief soweit erst mal normal. Ich landete pünktlich in Paris, von wo aus ein Shuttle-Service die ankommenden Schachspieler zum etwa 200 Kilometer entfernten Merlimont bringen sollte. Dann musste ich jedoch fast eine halbe Stunde auf mein Gepäck warten und konnte mich in dieser Zeit über die Lautsprecheransagen schon mal mit der französischen Sprache vertraut machen (ich fühlte mich, als ob sich alle Kenntnisse, die ich während meines dreijährigen Französischkurs an der Schule erworben hatte, in Luft aufgelöst hätten).

Als ich dann endlich meinen Koffer in Richtung Ausgang schleppte, erlebte ich die nächste Überraschung: weit und breit waren keine Schachspieler geschweige denn ein Abholservice zu sehen. Ich hatte schlauer Weise im Vorhinein nicht den genauen Treffpunkt nachgeschaut, sondern die Informationen nur schnell auf meinem Laptop gespeichert. Es stellte sich heraus, dass ich zu einem anderen Terminal gelangen musste (und das innerhalb von fünf Minuten, wenn ich rechtzeitig eintreffen wollte). Aus irgendeinem Grund gab es jedoch keine direkte Verbindung zwischen den Terminals, sodass ich erst mal zum Bahnhof und von dort aus mit dem Zug zum anderen Terminal fahren musste. Das war in fünf Minuten natürlich nicht besonders gut zu realisieren. Zu allem Übel wollte mir mein Handy auch wiederholt weismachen, dass Uwes Rufnummer nicht vergeben sei und ich so niemandem von dem Grund meiner Verspätung berichten konnte. Ich machte mir jedoch völlig unnötig Sorgen. Denn als ich etwas gestresst am richtigen Treffpunkt eintraf, waren alle noch an Ort und Stelle und hatten mich wahrscheinlich noch nicht mal vermisst. :-)

Die anschließende Busfahrt dauerte dann noch mal geschlagene drei Stunden, die trotz (oder wegen) Filiz Osmanodja´ Michael-Jackson-Imitationen nicht besonders schnell vorbei gingen. Gegen 16.30 Uhr erreichten wir dann schließlich unser Ziel: eine Ferienanlage bestehend aus etlichen Bungalows und anderen Einrichtungen, die ich bisher noch nicht erkundet habe. Meine erste Frage richtete sich nach dem Essen. Die etwas ernüchternde Antwort lautete: Abendbrot gibt es um acht. Leider hatte der einzig nahgelegene Supermarkt bereits geschlossen, sodass ich wohl oder übel meinen knurrenden Magen erst mal ignorieren musste. Meine zweite Frage bezog sich auf möglichen Internetzugang. Wir erfuhren, dass zumindest an der Rezeption Internet frei zugänglich sei (wenn man das Glück hatte eine Steckdose zu finden). Unsere Bungalows sind schlicht, aber gemütlich. Wir haben sogar eine kleine Küche und vier Betten. Es ist nur leider furchtbar kalt. Ich habe jedenfalls gleich mal die Heizung angemacht und meinen Bikini gar nicht erst ausgepackt.

Das Warten auf das Essen hat sich jedoch wirklich mehr als gelohnt. Es gab eine reichhaltige Auswahl an Vorspeisen, ein leckeres Hauptgericht und eine ganze Palette an Nachspeisen, die alle unwiderstehlich aussahen und auch so geschmeckt haben. Ich finde das ist schon mal eine gute Vorrausetzung für ein gelungenes Turnier. :-)

Inzwischen sind auch die meisten deutschen Spieler eingetroffen. Wir warten nur noch auf Andreas, der aufgrund einer Zugverspätung sein planmäßiges Shuttle nicht in Anspruch nehmen konnte und wohl erst gegen Mitternacht eintrudeln wird. Gerade findet eine Trainerbesprechung statt, bei der neben der Auslosung auch der Termin der Doppelrunde bei den Frauen festgelegt wird. Da es im Frauenturnier nur sechs teilnehmende Mannschaften gibt, wurde nämlich ein Rundenturnier mit Hin-und Rückrunde vereinbart, sodass statt der vorgesehenen neun Runden nun zehn gespielt werden und demnach an einem Tag zwei Partien ausgetragen werden müssen. Das Teilnehmerfeld ist zumindest bei den Frauen auch nicht so stark besetzt wie in den letzten Jahren. Als Favoriten gelten die Italienerinnen, die mit IM Elena Sedina (2337), IM Olga Zimina (2337) und WIM Marina Brunello (2215) eine vergleichsweise sehr gute Mannschaft gemeldet haben. Ein angemessenes Ziel für Filiz und mich ist wohl der dritte Platz.

Bei den Männern wird nicht mit Zweier- sondern mit Viererteams gespielt. Die deutsche Mannschaft besteht aus IM Niclas Huschenbeth (2510), GM Michael Prusikin (2541), IM Andreas Heimann (2485) und FM Matthias Blübaum (2388), wobei Uwe Bönsch als Ersatzspieler einspringen könnte. Auch das deutsche Herrenteam strebt einen Medaillenplatz an.

Die erste Runde wird morgen um 15.00 Uhr stattfinden und soweit ich weiß werden die Partien auch alle live übertragen. Die Auslosungen und Ergebnisse können unter www.echecs.asso.fr eingesehen werden.