Mein Abschlussbericht


Mit meinem heutigen und (vorerst) letzten Bericht möchte ich die Europameisterschaft noch einmal Revue passieren lassen und zusammenfassend meine Eindrücke von dem Turnier und den Rahmenbedingungen wiedergeben.

Zunächst muss erwähnt werden, dass die Meisterschaft meiner Meinung nach sehr gut organisiert war. Die Unterbringung war okay und ich finde es immer sehr positiv, wenn alle Teilnehmer in dem gleichen Hotel übernachten. So hat man die Möglichkeit auch mit anderen Nationen etwas zu unternehmen und das Feeling einer internationalen Meisterschaft ist in diesem Fall noch ausgeprägter. Außerdem bietet sich für Spieler, wie mich, die einmalige Gelegenheit, mit Topspielern ins Gespräch zu kommen, die man sonst nur aus den Berichten in Schachzeitungen kennt. Zum Beispiel habe ich gestern Topalov im Fahrstuhl getroffen und mit ihm ein wenig Smalltalk gehalten. Und als Ivantschuk mehrere Partien gegen den Schweizer Oliver Kurmann blitzte, bildete sich eine kleine Menschenversammlung um das Brett herum. Das Wichtigste bei einem Turnier ist jedoch für mich immer das Essen. :-) Dieses ließ leider etwas zu wünschen übrig. Es gab zwar immer eine große Auswahl, das Repertoire war auf die Dauer dann aber doch begrenzt und gegen Ende hatte ich eigentlich kaum noch Appetit auf die täglich dargebotenen Speisen. Das ist aber meine persönliche Meinung und ich denke, dass viele das anders gesehen haben werden. Der Spielsaal war groß und einer Europameisterschaft angemessen. Einzig der Kuschelfaktor zwischen den Brettern einer Mannschaft war für mein Empfinden ein bisschen zu hoch. Die Siegerehrung wurde unnötig durch nicht enden wollende Volkstänze in die Länge gezogen (Topolovs Kommentar dazu: „Die hätten lieber Stripperinnen einladen sollen.“). Zudem hätte sich der Moderator seine Bemerkung zum guten Abschneiden der deutschen Mannschaft („Vielleicht behandelt uns Frau Merkel jetzt etwas netter.“) durchaus verkneifen können. Ansonsten aber ein sehr schönes Turnier, das vor allem der deutschen Männermannschaft in sehr positiver Erinnerung bleiben wird.

Ja, zu der schachlichen Leistung der Männer muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Der unglaubliche Erfolg wird bestimmt noch lange in aller Munde sein und ich denke, dass das sensationelle Abschneiden der Männermannschaft dem deutschen Schach sehr gut tun wird. Auch die Einzelergebnisse verdienen eine Erwähnung. Fast alle Spieler haben eine Performance von über 2700 und auch Daniel liegt nur knapp darunter (2692). Jan und Arkadij konnten zudem beide einen Brettpreis erzielen. Tja, was soll ich noch groß sagen: Klasse Leistung und an dieser Stelle noch mal herzliche Glückwünsche von mir!

Aber auch bei der Frauenmannschaft lief es nicht so schlecht. Mit Platz 8 haben wir immerhin eine Platzierung unter den Top 10 erreicht (das ist auch schon lange nicht mehr vorgekommen) und nur sehr knapp unser Ziel verfehlt. Die Einzelergebnisse waren bei uns allerdings nicht ganz so homogen wie bei den Männern. Elisabeth spielte nur leicht unter ihren Erwartungen und gerade an Brett eins hat man natürlich keine leichte Aufgabe. Marta war von Anfang an eine verlässliche Stütze der Mannschaft. Bei ihr war ich mir eigentlich immer sicher, dass von ihr mindestens ein halber Punkt kommen würde. Die letzten beiden Runden liefen leider nicht optimal … aber bis dahin eine wirklich starke Leistung, die ihr auch eine IM-Norm bescherte.  Lena spielte mit 3 aus 5 besser als ihre Elo-Zahl. Mit meinem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Ich glaube, ich habe noch nie so eine hohe Performance (2521) in einem Turnier gespielt und auch meine Partien waren ausnahmsweise mal recht vernünftig. Natürlich habe ich nicht fehlerfrei gespielt, aber es gab wenig Momente in denen mir die Partie entglitten ist (und das ist laut Raj im Frauenschach schon eine starke Leistung :-)). Natürlich habe ich mich auch über meinen Brettpreis und die IM-Norm gefreut, aber bei so einem Turnier ist das Mannschaftsergebnis natürlich übergeordnet. Sarah hat an sich gute Partien gespielt und fast immer eine Gewinnstellung erreicht. Leider haperte es noch etwas bei der Vorteilsverwertung, was man ihr bei einem so anstrengenden und nervenaufreibenden Turnier aber durchaus nachsehen kann. Zum Schluss noch ein paar Worte zu unserem Trainer Raj Tischbierek. Ich finde, Raj hat sich wirklich hervorragend geschlagen. Die Aufgaben eines Frauentrainers sind vielfältig und nicht gerade einfach. Neben der schachlichen Betreuung sind vor allem auch psychologische Fähigkeiten und außerschachliche Kompetenzen (wie Kiwis schneiden etc.) gefragt. Meiner Meinung nach hat Raj in allen drei Kategorien bewiesen, dass er als Trainer der Frauennationalmannschaft durchaus geeignet ist und deshalb hier ein großes Dankeschön von meiner Seite! Vielleicht wär es aber trotzdem ganz gut, wenn auch die Frauenmannschaft einen Theorieguru wie Rustam zur Unterstützung bei der Vorbereitung bekommen könnte. Den Beweis, dass das auf jeden Fall nicht schaden kann, hat unsere Männermannschaft ja gerade erst gebracht und vielleicht könnten wir so auch mal richtig vorne mitmischen… Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass auch im Frauenschach die Vorbereitung immer wichtiger geworden ist und das bei mir persönlich diesbezüglich durchaus noch Verbesserungsbedarf besteht. Dass auch ein Supertrainer nicht innerhalb von zehn Tagen mein gesamtes Repertoire flicken kann, ist mir natürlich bewusst. Aber bis zum nächsten großen Wettkampf habe ich ja noch ein Jahr Zeit….

In diesem Sinne verabschiede ich mich fürs erste. Ich hoffe, dass Euch meine Berichterstattung einigermaßen gefallen hat und dass ich im Großen und Ganzen einen realistischen Eindruck von der Europameisterschaft 2011 vermitteln konnte.

 

Viele Grüße

Melanie